Vortrag
Dienstag, 15.4.2008, 19h

Jan Philipp Reemtsma

Professor für Neuere Deutsche Literatur, Universität Hamburg; Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Vertrauen und Gewalt

Kommentiert von: Prof. Dr. Helmut Dubiel, Gießen; Prof. Dr. Herfried Münkler, Berlin; Prof. Dr. Trutz von Trotha, Siegen

In seinem neuen Buch analysiert Jan Philipp Reemtsma zunächst, was Vertrauen und vor allem Vertrauen in die Moderne heißt – und in welcher Weise dieses Vertrauen an die besonderen Legitimationsanforderungen gebunden ist, denen der Gebrauch von Gewalt in der Moderne unterworfen ist. Er fragt, wie extreme Destruktivität neben dem modernen Programm der Gewalteinschränkung oder trotz dieses Programms bestehen kann und warum und wie das Vertrauen in die Moderne ungeachtet der Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts fortbesteht.
Das Buch untersucht die Phänomene der Gewalt in ihrem unterschiedlichen Körperbezug und in ihrem Verhältnis zur Ausübung von Macht, es fragt, aus welchem Grund bestimmte Gewaltformen in der Moderne tabuisiert worden sind, obwohl sie nach wie vor fortbestehen, und in welcher Weise dieses Fortbestehen besondere Wahrnehmungs- und Analyseschwierigkeiten produziert. Weiträumige Überblicke über historische, politische, literarische oder philosophische Entwicklungen von der Antike bis in unsere Gegenwart wechseln mit einer Konzentration auf konkrete Ereignisse ab; soziologische Reflexionen und historisches Beispielmaterial werden durch philologische Analysen ergänzt und, zum Beispiel anhand einer Auseinandersetzung mit William Shakespeare als einem Theoretiker von Macht und Gewalt oder anhand einer Betrachtung von Friedrich Schillers Konzeption des Desperado im »Wilhelm Tell« verdeutlicht.
Jan Philipp Reemtsma hat eine Arbeit vorgelegt, die geeignet ist, eingefahrene ungewohnte Sichtweisen aufzubrechen und das Verständnis der Beziehung, die zwischen Vertrauen, Gewalt und Macht herrscht, zu erweitern.
Kritisch werden diese Befunde von den beiden Soziologen Helmut Dubiel, Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen, und Trutz von Trotha, Professor an der Universität Siegen, sowie dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, kommentiert.