Onlineveranstaltung
Donnerstag, 21.1.2021, 12:45h

Gloria Meynen

Linz

isola∙tion

Am Ende des 19. Jahrhunderts bilanziert der Evolutionsbiologe Alfred Russel Wallace, der zeitlebens im Schatten Darwins stand, Inseln seien durch ihre Grenzen definiert. Das Festland muss ozeanisiert, vom Meer aus betrachtet werden – der Blick vom Inland auf die Grenzziehungen fallen. Unterscheiden, Trennen und Isolieren sind ozeanische Operationen, die seit den Anfängen der Messwissenschaften nicht nur mit den Eigenschaften von Inseln verbunden sind. Die Welt ist restlos entdeckt und beschrieben, das Meer von allen Ungeheuern gereinigt. Nachdem der Pazifik vermessen, das Südland spurlos von den Karten verschwunden ist, entdeckt das 19. Jahrhundert in den Anfängen der Evolutionsbiologie, der Meeres- und Klimawissenschaften, der Literatur und Kartografie eine Vorliebe und Obsession für Inseln. Das Verhältnis von Fiktion und Wissenschaft befragen sie auf mannigfaltige Weise. Inseln werden in Listen, Taxonomien und Karten als Orte der Zäsur und des zweiten Ursprungs besucht, auf dem Papier gezüchtet, beziffert, gezähmt und systematisiert. Sie werden zu Freiluftlaboren und nützliche Fiktionen, mit denen Unterscheidungen entdeckt und visualisiert, proklamiert und erfunden werden können.
Was unterscheidet Arten von Varietäten, fragt Wallace, und wie können aus Arten Varietäten entstehen? Die Antwort skizziert er mit wenigen Strichen in einer Fußnote. Eine Insel, die nahe am Festland siedle, müsse nur für einen Tag untergehen und an ferner Stelle wieder auftauchen, dann könnten in nicht zu ferner Zukunft endemische Arten auf ihr entstehen. Mein Vortrag geht von Wallaces Insel- und Gedankenexperimenten aus. Inseln thematisiert er mit einigen Beispielen der kartografischen Generalisierung des 19. und 20. Jahrhunderts als Kulturtechniken des Trennens und Unterscheidens. Wo beginnt das Meer, wo endet das Festland? Gibt es eine insulare (d.i. visuelle oder narrative) Kritik der Unterscheidung?

Gloria Meynen ist Professorin für Medientheorien an der Kunstuniversität Linz. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Kulturwissenschaft in Bonn, Köln, Konstanz, Bochum und Berlin, arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschergruppe Bild-Schrift-Zahl an der Humboldt Universität zu Berlin, wo sie 2004 mit einer Kulturgeschichte der Zweidimensionalität (Büro. Die Erfindung der Schreibfläche, Berlin 2012) promoviert wurde. 2016 erhielt sie die Doppel-Venia für Kulturwissenschaft und Medienwissenschaft mit einem fiktiven Gespräch zwischen Jules Verne und Alexander von Humboldt über das Verhältnis von Wissenschaft und Fiktion am Fachbereich Kulturwissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg. Die Habilitationsschrift erschien 2020 unter dem Titel Inseln und Meere. Zur Geschichte und Geografie fluider Grenzen.