Onlineveranstaltung
Donnerstag, 11.11.2021, 19:00h

Evandro Agazzi

Professor of Bioethics, Universidad Panamericana, Mexico City

A Defense of Scientific Realism

Gesprächsleitung: Shyam Wuppuluri, Caputh

 
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In der zeitgenössischen Wissenschaftsphilosophie hat sich eine Tendenz herausgebildet, die als antirealistisch bezeichnet wird, während früher nie bezweifelt worden war, dass, wenn wir die Welt kennen, wir wirklich Kenntnis von der Realität haben. Den konzeptionellen Rahmen der modernen Wissenschaft bildete die sogenannte klassische Physik, die mit dem gesunden Menschenverstand im Einklang stand und als angemessene Form der Welterkenntnis angesehen wurde. Daher wurde wissenschaftliches Wissen als wahres Wissen angesehen.
Die Wahrheit eines Satzes impliziert immer einen Bezug zu etwas, von dem der Satz spricht. Wenn ich also zugebe, dass ein Satz wahr sein kann, muss ich ipso facto auch zugeben, dass die Objekte, auf die er sich bezieht, existieren können, und zwar unabhängig davon, ob ich mir dieser Wahrheit überhaupt sicher bin.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Schwierigkeiten, die bei der Interpretation von Daten aus der Erforschung der mikrophysikalischen Welt auftraten, von vielen als Zeichen dafür gewertet, dass die Wissenschaft weder die Aufgabe noch das Recht habe, nach wahren Darstellungen der Wirklichkeit zu suchen; sie schlugen eine Form des radikalen Empirismus vor, demzufolge die Wissenschaft nur einen praktischen Wert habe. Heute hingegen können wir unter Berücksichtigung der Tatsache, dass jede wissenschaftliche Theorie nur bestimmte Aspekte der Realität untersucht und über operative Kriterien für den Zugang zu den Referenten ihres Diskurses verfügt, die Auffassung von Wissenschaft als einer Untersuchung wiedergewinnen, die partielle, aber authentische Wahrheiten über ihre Objekte erlangt und somit ein Wissen über die Realität darstellt. Die Möglichkeit, mit einem bestimmten Elementarteilchen zu arbeiten (auch wenn es „unbeobachtbar“ ist), beweist, dass es sich nicht um ein reines Hirngespinst und auch nicht um ein bloßes mentales Konstrukt handelt. Dies ist die Bedeutung einer kritischen Renaissance des wissenschaftlichen Realismus.

Evandro Agazzi ist Professor am Fachbereich für Bioethik der Panamerican University in Mexico City und emeritierter Professor der Universitäten im schweizerischen Freiburg und in Genua sowie Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in Europa und Amerika. Er war Präsident und ist jetzt Ehrenvorsitzender der Internationalen Akademie für Philosophie der Wissenschaften in Brüssel, der Internationalen Vereinigung der Philosophischen Gesellschaften sowie des Institut International de Philosophie in Paris. Mehrere europäische und amerikanische Universitäten haben ihm Ehrendoktortitel verliehen. Er ist Autor bzw. Herausgeber von über 80 Büchern und über 1.000 Buch- und Zeitschriftenaufsätzen in verschiedenen Sprachen auf den Gebieten der Logik, der Mathematik-, Physik- und allgemeinen Wissenschaftsphilosophie, der Metaphysik, der Wissenschafts- und Technologie-Ethik, der Bioethik und der Pädagogik. Er ist Redakteur der internationalen Zeitschriften Epistemologia und Bioethics Update.

Shyam Wuppuluri forscht als der derzeitige Albert-Einstein-Stipendiat in Caputh.

Veranstaltung in englischer Sprache