Vortrag
Samstag, 5.12.2020, 10:50h

Susanne Scharnowski

Berlin

Weggehen, um anzukommen: Heimat, Ort und Bindung vor und während/nach Corona

  Anmeldung für den Vortrag auf der Tagungsseite “Heimat. Wo alles bleibt, wie es nie war”.
 
 

Auch mit Blick auf das Thema Heimat ist die Corona-Krise ein disruptives Ereignis: Während der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen sind die Menschen wie schon lange nicht mehr an ihr engstes Lebensumfeld gebunden, das sich zugleich radikal verändert. Diese Erfahrung ist umso ungeheuerlicher, als zuvor das Ideal einer grenzenlosen, global vernetzten Welt und einer dynamischen Gesellschaft vorherrschte, in der die Menschen sich weitgehend ungehindert bewegen und nicht an ihren Herkunftsort gebunden sind. Multilokale Digitalnomaden und Zygmunt Baumans Typus des »Touristen« waren die emblematischen Figuren dieser Zeit. Nun wurde plötzlich das Zuhausebleiben nicht mehr als Ausdruck behäbigen, engstirnigen Spießertums, sondern als aufgeklärter Akt der Solidarität und Verantwortlichkeit verstanden. Heimat als Ort erlebte zumindest medial eine kleine Renaissance. Diese wurde gleichzeitig verstärkt und konterkariert durch die ambivalente Erfahrung von »Homeoffice« und »Homeschooling« und den damit verbundenen Gefühlen von Einengung und Überdruss. Im digitalen Raum dagegen eröffneten sich scheinbar grenzenlose, körper- und ortlose Möglichkeiten der Unterhaltung, Information, Kommunikation und des Konsums. Der rapide Bedeutungszuwachs dieser digitalen Welt der Nicht-Orte steht im diametralen Gegensatz zur Hinwendung zum Ort als Heimat. Mehr noch: Die nunmehr massenhaft verbreiteten digitalen Praktiken haben unmittelbare Konsequenzen für die konkreten Orte in der wirklichen Welt, für das Verhalten der Menschen und für ihr Verhältnis zu diesen Orten: Durch Onlinehandel, Streaming und Homeoffice werden zumindest ein Teil der Ladengeschäfte, Kaufhäuser, Kinos und Bürogebäude in den Städten überflüssig, und noch ist völlig offen, welche langfristigen Konsequenzen das haben wird.

Susanne Scharnowski leitet das Studienprogramm für internationale Gaststudierende an der Freien Universität Berlin, in dem sie auch lehrt. Sie studierte Germanistik und Anglistik und wurde mit einer Arbeit über Clemens Brentano promoviert. Sie war DAAD-Lektorin an der Cambridge University, der National Taiwan University in Taipeh und der University of Melbourne in Australien. Von 2008 bis 2011 war sie Geschäftsführerin der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien. Sie hat Aufsätze zur Literatur des 18., 19. und 20. Jahrhunderts, zum Film der DDR und zur Darstellung von Natur und Landschaft in Literatur und Film publiziert. 2019 erschien ihre Monographie Heimat: Geschichte eines Missverständnisses.